Leiden und Freude. Das Depressive und der depressiven...
- Vorurteile
- Das Dilemma ist, daß der Depressive weiß, zu wieviel Freude am Leben er fähig war.
- Dieses Wissen macht es für ihn besonders schmerzlich, zu erkennen, daß der Zugang zu dieser Freude nicht mehr existiert.
- „ Es geht Dir doch eigentlich noch gut, anderen geht es viel schlechter„
- Sie als "Außenstehender" mögen eine Depression als weniger schlimm empfinden, als vielleicht eine Krebserkrankung oder andere schwere Leiden. Sie können sich nicht vorstellen, daß ein depressiv erkrankter Mensch seine Krankheit mit jedem anderen Leiden tauschen würde, so durch und durch fertig macht ihn die Depression, so elendig geht es ihm. Er kann es zwar nicht beschreiben, aber er weiß, daß es nicht möglich ist, sich noch schlechter zu fühlen.
- Hochsensibel wie der Patient nun ist, wird er solche Kommentare als ironisch empfinden; auf jeden Fall wird er sich völlig mißverstanden fühlen.
- „ Laß uns doch mal in Urlaub fahren, Tapetenwechsel tut Dir bestimmt gut......!‘
- Das ist ein Irrtum! Rufen Sie sich noch einmal in Erinnerung: ihr depressiv Erkrankter ist verunsichert, ängstlich, ratlos; er kennt sich selbst nicht mehr, hat die Kontrolle über sein Leben verloren...
- Ein Urlaub, ein anderer Ort würde nur noch ein zusätzliches Problem schaffen: Er findet sich noch schlechter zurecht als zuhause. Und er wird sich an die vorangegangenen Urlaube erinnern, an den Spaß, den sie gemeinsam hatten, an den Genuß, den die neue Umgebung vermittelt hatte.
- Diese Erinnerung muß das jetzige Elend, die völlig fehlende Fähigkeit zur Freude, zum Genuß noch vertiefen.
- Auch für Sie und andere Angehörige würde ein Urlaub mit einem Depressiven zu einem völligen Fehlschlag.
- Denn entgegen allen Hoffnungen wird der depressiv Erkrankte eben nicht wieder so sein, wie früher. Dieser Wunsch läßt sich durch einen "Tapetenwechsel" nicht realisieren.
- „ Du willst kündigen ? Du musst wissen was Du tust.“
- Wieder ein Irrtum! Der Depressive weiß es nicht! Lassen Sie ihn keine weitgreifenden Entscheidungen treffen. Das betrifft den Beruf ebenso wie die Familie, die Ehe, einen Kauf oder Verkauf.
- Helfen Sie ihm, Entscheidungsphasen zu überbrücken.
- Entscheidungen sollten auf die Zeit nach der Genesung vertagt werden. Während der Erkrankung kann der Depressive nicht objektiv denken und schon gar keine Probleme lösen. Vieles würde er später sicherlich bereuen. Die Erfahrung zeigt, daß nach Abklingen der Depression eine Vielzahl der jetzt so unüberwindlich erscheinenden Probleme lösbar werden. Der gesunde Patient ist dann wie gewohnt leistungsfähig und voller Willens- und Entschlußkraft.
- "Liebst Du mich nicht mehr?"
- Diese Frage wird den Depressiven sehr betroffen machen und seine Schuldgefühle verstärken. Er weiß, daß er seine Gefühle nicht zeigt, daß er sich mehr und mehr von jedem den er liebt, zurückzieht.
- Aber: Der Depressive kann nicht anders. Das gilt für die Gefühlsebene ebenso wie für den sexuellen Teil einer Beziehung. Bei fast allen Depressiven führt die Erkrankung zu einem Nachlassen der Libido und zu einer Beeinträchtigung der sexuellen Funktionen. Die Unfähigkeit, Sexualität genießen zu können, bedeutet für viele depressiv Erkrankte einen weiteren Beweis, nie mehr Freude und Lust empfinden zu können.
- Ich weiß, es ist äußerst schwierig, die richtigen Worte zu finden, Man meint es gut, man versucht zu helfen und weiß manchmal nicht, was man eigentlich damit anrichtet. Am Anfang hatte ich gehofft, daß meine Fürsorge und vorbehaltlose Hilfe problemlos auch auf längere Dauer durchzuhalten wäre. Aber ich gebe zu, daß es mir von Tag zu Tag schwerer fiel, das Richtige zu tun und zu sagen.
- Das Problem war: ich habe mich fast aufgeopfert, aber es kam nicht das zurück, was ich erhoffte: Es wurde nicht besser.