Depressionen und Veranlagung.
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- Hans W. erkrankt erstmals im Frühjahr an einer schweren Depression. Einen Monat zuvor wurde seine Frau wegen des Verdachts auf Krebs kurzfristig stationär untersucht, der Verdacht stellte sich jedoch rasch als falsch heraus. Die Depression beginnt mit starken Schlafstörungen, einem ausgeprägten morgendlichen Stimmungstief mit Antriebslosigkeit und Konzentrationsstörungen. Nach einigen Tagen kommen Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust hinzu.
- Am meisten aber leidet der Patient unter einem massiven Grübelzwang, der sich fast vollständig um seine berufliche Situation dreht. Ohne es selbst zu wollen, kreisen seine Gedanken ständig um - aus seiner Sicht von ihm verschuldete - Fehler im Betrieb. Manche „Fehler“ seien ihm kürzlich unterlaufen, manche liegen Jahre zurück. Er glaubt, ein Versager zu sein und ist kurz davor, um seine Entlassung zu bitten. Auffallend ist, daß es ihm jeweils am Abend deutlich besser geht.
- Ausführliche körperliche Untersuchungen ergeben keinen krankhaften Befund. Nach dreiwöchiger Einnahme eines Antidepressivums (= Medikament gegen Depression) verschwindet die Depression vollständig. Eine Psychotherapie findet nicht statt. Es folgt ein halbes Jahr, in dem es Hans W. stimmungsmäßig auffallend gut geht. Dann befällt ihn innerhalb weniger Tage erneut eine Depression, in der er dieselben Probleme hat wie beim ersten Mal. Voraus ging eine unberechtigte kritische Bemerkung des Chefs. Zusätzlich leidet Hans W. jetzt noch an Selbsttötungsgedanken.
- Nach dieser kurzen Krankengeschichte sollen nun die drei wichtigsten Forschungsrichtungen dargestellt werden. Keine kann die Richtigkeit ihres Modells beweisen, aber vieles spricht dafür, daß jedes Modell einen wichtigen Baustein für die Ursache von Depressionen liefert. Die biologische Forschung beschäftigt sich mit körperlichen Vorgängen, die seelische Störungen verursachen können. Die Erbforschung spricht dafür, daß Depressionen eine körperliche Ursache haben können.
- Beispiel: Wenn der Vater einmal oder öfter eine Depression hatte, so liegt das Risiko für das Kind, einmal oder öfter im Leben eine Depression zu bekommen, zwischen 6 und 24 Prozent. Die Erbforschung insgesamt spricht dafür, daß für das Ausbrechen einer Depression die erbliche Veranlagung eine große Rolle spielt. Weil aber eine Veranlagung nicht zwangsläufig zu einer Depression führt, müssen offenbar noch andere Faktoren hinzukommen. Manchmal treten Depressionen nach besonderen Belastungssituationen auf, zum Beispiel nach dem Tod eines Angehörigen. Aber oft läßt sich ein solcher schwerwiegender Auslöser nicht feststellen, die Depression kommt gleichsam aus heiterem Himmel. Oder sollte im Fall von Hans W. die kritische Bemerkung seines Chefs eine Depression mit Selbsttötungsgedanken ausgelöst haben? - Die oft fehlenden Auslöser deuten also auf eine körperliche Ursache hin. Ebenfalls in diese Richtung deutet die Erfahrung, daß Depressionen im Frühjahr und Herbst gehäuft auftreten, morgens am schlimmsten, abends schwächer sind. Viele körperliche Vorgänge werden von Licht und Dunkelheit gesteuert. Ein besonders gewichtiges Argument für eine körperliche Ursache ist die Wirksamkeit von Medikamenten bei Depressionen.
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