Depressionen und Therapien.
- Depressionen.
- Vor der körperlichen Untersuchung steht ein ausführliches Gespräch mit dem Patienten. Beispielsweise erkundigt sich der Arzt nach dem medizinischen und sozialen Lebenslauf und erfragt Art und Verlauf der jetzigen Erkrankung.
- In vielen Fällen ist es außerordentlich hilfreich, wenn auch ein naher Angehöriger dem Arzt Auskunft geben kann. Voraussetzung ist, daß der Patient damit einverstanden ist. Manche Patienten legen großen Wert darauf, bei dem Gespräch zwischen Arzt und Angehörigem dabei zu sein, manchen ist es lieber, wenn dieser Termin getrennt stattfindet. Es ist sinnvoll, wenn sich Patient und Angehöriger schon vor dem ersten Arztbesuch darüber verständigen. Weil auch Medikamente Depressionen auslösen können, bringt der Patient zur Erstuntersuchung am besten alle Medikamente mit, die er derzeit einnimmt. Neben einer allgemeinen körperlichen Untersuchung veranlaßt der Arzt Blut-Tests, eventuell ein EEG (Elektro-Enzephalogramm = die Ableitung der Hirnstromkurve, eine schmerz- und risikolose Untersuchung) und ein Computertomogramm (eine Röntgenaufnahme des Gehirns). In manchen Fällen ist auch ein EKG (Elektro-Kardiogramm = Ableitung der Herzstromkurve) erforderlich. Welche Untersuchungen durchgeführt werden, richtet sich nach der Vorgeschichte und den Befunden, die eventuell schon bei anderen Ärzten erhoben wurden. Ziel dieser Untersuchungen ist es, eine möglicherweise vorhandene Grund- oder Begleiterkrankung zu erkennen, beziehungsweise sicher zu sein, daß eine solche nicht vorliegt. Die zwei wesentlichen Behandlungsformen der Depression sind:
- - die medikamentöse Behandlung und
- - die psychotherapeutische Behandlung.
- Bei beiden Behandlungsformen sind in den letzten Jahren große Fortschritte erzielt worden. Abhängig von der Vorgeschichte, der Art und der Schwere der Depression ist heute eine Kombination beider Behandlungsformen Standard.
- Leichte bis mittelschwere Depressionen
- Darunter versteht man Depressionen, bei welchen der Betroffene zum Beispiel seinen alltäglichen Verpflichtungen (Haushalt, Beruf) mit mehr oder weniger großer Anstrengung noch einigermaßen nachkommen kann. Bei solchen Depressionen werden nicht selten Antidepressiva auf pflanzlicher Grundlage eingesetzt.
- Generell ist die Wirksamkeit der pflanzlichen Antidepressiva (Johanniskrautextrakte) nicht in gleicher Weise belegt wie die anderer Antidepressiva. Es ist zwar durchaus möglich, daß eine leichte bis mittelschwere Depression sich während einer solchen Therapie bessert, aber selbst diejenigen Fachleute, die von der Wirksamkeit überzeugt sind, raten bei starken Depressionen zu anderen Mitteln. Bei einer schwereren Depression sollte ein Medikament eingesetzt werden, dessen Wirksamkeit eindeutig gesichert ist.
- Je nach Art kann eine leichte bis mittelschwere Depression auch allein mit Psychotherapie oder allein medikamentös behandelt werden. Wer von einer mittelschweren bis schweren Depression betroffen ist, kann in der Regel seinen Alltagsverpflichtungen nicht mehr nachkommen. In diesem Fall muß eine medikamentöse Therapie erfolgen, eventuell zusätzlich eine Psychotherapie. Die medikamentöse Therapie besteht in der Einnahme (unter Umständen auch in der intravenösen Infusion) eines Antidepressivums. Um die volle Wirksamkeit zu entfalten, benötigt das Medikament Zeit. Man kann die Wirksamkeit erst nach mindestens zwei Wochen beurteilen. Das ist wichtig zu wissen, um nicht nach wenigen Tagen enttäuscht zu sein, weil die depressive Stimmung oder die Antriebshemmung sich noch nicht gebessert haben. Die verschiedenen Antidepressiva unterscheiden sich in ihrem Wirkmechanismus, wie sie zum Beispiel die Menge der Nervenüberträgerstoffe erhöhen. Bei manchen Patienten wirkt der eine Mechanismus, bei manchen der andere. Da es noch keinen Test gibt, der erlaubt, von vorneherein das für den jeweiligen Patienten wirksame Medikament zu bestimmen, ist es möglich, daß nach einigen Wochen ein zweites Antidepressivum verordnet wird. Dieses Vorgehen ist in der antidepressiven Therapie ganz normal und alltäglich. Die Befürchtung wäre unangemessen, die fehlende Wirkung des ersten Medikaments spräche für eine besonders schwer zu behandelnde Depression. Unerwünschte Begleiterscheinungen der antidepressiven Therapie treten meist als lästige, aber ungefährliche körperliche Effekte auf, zum Beispiel Mundtrockenheit, Übelkeit, Zittrigkeit, Verstopfung, Müdigkeit oder Schlafstörungen. Werden diese so unangenehm, daß der Patient eine Unterbrechung der Therapie erwägt, sollte darüber vertrauensvoll mit dem Arzt gesprochen werden. Ein Wechsel des Mittels oder eine Verminderung der eine Verminderung der Dosis kann hier Abhilfe schaffen. Manche Patienten befürchten, durch ein Antidepressivum abhängig zu werden. Dieses Mißverständnis rührt daher, daß allgemein die Antidepressiva zu den Psychopharmaka zählen, also zu den Mitteln, die seelische Funktionen beeinflussen. Zu den Psychopharmaka zählen auch die sogenannten Tranquilizer oder Benzodiazepine (bekanntestes Mittel: Valium/Diazepam), die tatsächlich bei zu langer Einnahme eine Abhängigkeit erzeugen können. Bei Antidepressiva ist jedoch überhaupt kein Risiko der Abhängigkeit vorhanden. Die psychotherapeutische Behandlung der Depression kann beim gleichen Arzt erfolgen, der auch die medikamentöse Therapie überwacht. Sie kann aber auch bei einem anderen Therapeuten erfolgen.
- Psychotherapie erfordert eine aktive Mitarbeit des Patienten. Einem schwer Depressiven kann das unmöglich sein. In diesem Fall wird zuerst medikamentös behandelt. Nach Besserung kann dann zusätzlich eine psychotherapeutische Behandlung erfolgen. Es gibt verschiedene psychotherapeutische Methoden. Welche Methode bei welchem Patienten am sinnvollsten ist, läßt sich allgemein kaum bestimmen. Neben den Besonderheiten der Methode selbst spielt sicher auch eine Rolle, wie Patient und Therapeut persönlich zusammenpassen.
- Bei der tiefenpsychologisch orientierten Behandlung geht es darum, frühkindliche Verlustereignisse dem Bewußtsein wieder zugänglich zu machen und die notwendige Trauerarbeit nachzuholen.
- Die Verhaltenstherapie orientiert sich vor allem an der Gegenwart und bemüht sich, mögliche Streßfaktoren auszuschalten oder zu lindern, beziehungsweise typische depressive Verhaltensweisen bewußtzumachen und zu ändern. Die aus der Verhaltenstherapie entwickelte sogenannte „kognitive“ Therapie hat ein Behandlungskonzept speziell für die Depression entwickelt, in dem die depressiven Denkmuster bearbeitet werden.
- Die sogenannte „interpersonelle“ Therapie konzentriert sich auf Problembereiche, die häufig Ursachen oder Auslöser von Depressionen sind, wie zwischenmenschliche Konflikte (Eheprobleme), Rollenkonflikte (Schuldgefühle einer erwerbstätigen Mutter), Trauerarbeit, zwischenmenschliche Defizite (Mangel an Durchsetzungsvermögen), Rollenwechsel (Ruhestand). Eine schwere Depression bedeutet eine massive Belastung im Leben der Betroffenen und der Angehörigen.
- Erst recht belastend ist es, wenn Depressionen immer wiederkommen. Man kennt inzwischen eine Reihe von Medikamenten (zum Beispiel Lithium), welche die depressiven Phasen ganz verhindern oder ihre Häufigkeit und Intensität verringern. Auch bei diesen Medikamenten ist kein Suchtrisiko vorhanden. Sie sollten über mehrere Jahre, gegebenenfalls lebenslang eingenommen werden. Das ist natürlich in gewisser Weise eine „Zumutung“: