Depressionen.Leben und Klinik.
- „Wenn der Zeiger erst umgestellt ist, habe ich keine Chance mehr“ | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 |
- Die Lebensgeschichte der Maria B.
- Maria hat ein Auge für die schönen Dinge des Lebens. Das zeigen ihre Fotografien, die groß umrahmt über dem Wohnzimmersofa hängen. Eines der Bilder zeigt den Colorado, wie er sich als lichtblaues Band durch bedrohlich dunkle Felsmassive windet. Auf einem anderen ist ein karger Hügel zu sehen, auf dessen baumlosem Haupt das rote Dach einer einsamen Hütte hoffnungsvoll leuchtet. Eine dritte Fotografie zeigt eine Häuserzeile: Eng aneinandergeschmiegt trotzen sie in pastellenen Fassaden dem grauen Nebel. Die Bilder beweisen, dass Maria eine ausgezeichnete Fotografin ist. Und ein wenig verraten sie auch das Problem und die Hoffnung, die Maria hat.
- Vier Wochen lang, erinnert sie sich an die Amerikareise, sei es ihr „supergut“ gegangen. Zwei Tage nach ihrer Heimkehr war er dann wieder da, „der Tag X“. Er beginnt stets gleich. Sie erwacht morgens und weiß: „Es ist so weit.“
- Eine schwarze Masse hat sich bleischwer über sie ergossen und jede Freude, alles Schöne erstickt. Ein hoffnungslos langer Zeit-Tunnel beginnt, mit Tagen, Wochen und Monaten voller Angst und Verzweiflung, nur noch gehalten von dem Wunsch, der Seelenqual im Schlaf dem „Bruder des Todes“ zu entfliehen. Nichts dringt mehr zu Maria durch:„Ich bin ausgeliefert“, sagt sie. „Wenn der Zeiger erst umgestellt ist, habe ich keine Chance mehr.“
- Maria B. ist 32 Jahre alt. Seit zwei Jahren bezieht die gelernte Erzieherin eine Erwerbsunfähigkeitsrente, seit 1996 hat sie nicht mehr gearbeitet, seit zehn Jahren kämpft sie mit ihrer Krankheit, einer „Major Depression“, wie die Ärzte sagen. Schon ihre Großmutter, ihre Mutter und deren Schwestern haben an einer solch schweren (major = größer) Depression gelitten, auch einer ihrer Brüder ist betroffen.
- Zur Zeit geht es Maria gut. Sie ist gerade aus der Klinik entlassen worden. Fünf Monate war sie dort. Acht Elektrokrampfbehandlungen waren diesmal notwendig gewesen, um sie aus ihrem Seelengefängnis zu befreien. In den nächsten Wochen wird sie regelmäßig zur „Erhaltungstherapie“ in die Klinik fahren, um sich ihr Gehirn unter Vollnarkose mit elektrischem Strom durchfluten zu lassen: „Sonst hilft bei mir nichts.“
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