Dysthymia, larvierte Depressionen.
- Depressionen Teil 1 ff., Depressionsformen.
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- Welche Depressionsformen gibt es?
- Zwar redet man im Alltag von der Depression, muss aber verschiedene Formen nach Ursachen, Verlauf und sogar Beschwerdebild unterscheiden. Außerdem wurde die "klassische Einteilung" der Depressionen abgelöst durch moderne Klassifikationen, z. B. durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und durch die Amerikanische Psychiatrische Vereinigung (APA), auf die aber hier nur kurz eingegangen werden soll (siehe später).
- Bisherige "klassische" Einteilung der Depressionen.
- Bei der bisherigen oder auch "klassischen" Einteilung der Depressionen, die wir hier trotzdem noch vorstellen, weil sie verständlicher und einprägsamer ist als die neuen Klassifikationen, unterscheidet man wie folgt:
- Psychogene Depressionen.
- Psychogene (rein seelisch ausgelöste) Depressionen sind am häufigsten. Sie haben, wie der Name andeutet, seelische, meist erlebnisbedingte oder lebensgeschichtlich bedingte Ursachen. Sie sind eine - bis zu einem gewissen Grad - nachvollziehbare Reaktion auf akute oder langdauernde Belastungen.
- Man unterscheidet drei Gruppen:
- Die reaktive Depression ist durch ein äußeres, schmerzliches Ereignis verursacht. Das ist zwar bei der Trauer ähnlich, doch jetzt ist die Trauerreaktion gleichsam krankhaft entgleist. Meist handelt es sich dabei um Liebesenttäuschungen, Todesfälle, Zurücksetzung, Partner- oder materielle Probleme. Inhaltlich bleibt die Depression auf dieses auslösende Ereignis begrenzt.
- Bei der neurotischen Depression handelt es sich um eine gestörte Verarbeitung bestimmter Erlebnisse, nicht selten schon aus der Zeit der frühen Kindheit. Entscheidend ist dabei das Zusammenspiel einer sogenannten neurotischen Persönlichkeitsstruktur mit entsprechend belastenden Umweltbedingungen. Dabei kann es sich z. B. um eine lang nachwirkende gestörte Eltern-Kind-Beziehung handeln, aber auch um jedes andere, nicht ausreichend verarbeitete Ereignis, das dann nicht zuletzt in sogenannten Schwellensituationen des Lebens (Pubertät, Nachpubertät, Heirat, Schwangerschaft, Menopause, Rückbildungsalter) wieder ausbricht.
- Die depressive Entwicklung entsteht unter dem Druck einer gefühlsmäßigen Dauerbelastung ohne Aussicht auf Entlastung. Dazu gehören z. B. langjährige zermürbende Ehekonflikte, andauernde berufliche Überforderung, Entwurzelung durch Aussiedlung oder Exil usw. Will man diese Art der Depressionen konkreter beschreiben, nennt man sie Erschöpfungsdepression, Entwurzelungsdepression u. a.
- Einzelheiten zu diesen Krankheitsbilderern siehe die speziellen Kapitel.
- Endogene Depressionen.
- Die endogenen Depressionen entstehen - wie der Name schon sagt - "aus dem Inneren des Organismus" (endogen). Sie sind also biologischer Natur. Zwar gehen auch hier manchmal erkennbare Auslöser voraus (Unfall, körperliche Krankheit, berufliche Zurücksetzung, materielle oder zwischenmenschliche Verluste, Auseinandersetzungen usw.), doch ist im Allgemeinen keine einleuchtende Ursache festzustellen.
- Dafür finden sich häufig erbliche Belastungen, schon frühere depressive Zustände und ein besonders schweres Beschwerdebild mit hoher Selbsttötungsgefahr. Obgleich dabei auch zahlreiche körperliche Beschwerden beklagt werden, lässt sich meist kein krankhafter Befund nachweisen (außer z. B. Gewichtsverlust).
- Dennoch hat die endogene Depression vermutlich organische Ursachen, die man aber bisher nicht genau nachweisen kann (z. B. bestimmte Stoffwechselstörungen des Zentralen Nervensystems).
- Auch bei dieser Depressionsform unterscheidet man drei Untergruppen:
- Depressionen mit mehreren depressiven Phasen, zwischen denen länger dauernde Zeiträume liegen, in denen der Betroffene wieder völlig normal gestimmt und bei voller Leistungsfähigkeit ist. Das ist ein wichtiger Trost für Patient und Angehörige, auf den man immer wieder zurückkommen sollte.
- Die Dauer der depressiven Phase kann sich über Wochen oder Monate, in seltenen Fällen (z. B. höheres Lebensalter) sogar noch länger erstrecken. Bei rechtzeitiger Diagnose und konsequenter Therapie kommt dies jedoch selten vor. Bisweilen finden sich auch kurzfristige, wenige Tage oder gar Stunden dauernde Phasen, bisweilen noch im schnellen Wechsel von depressiv nach manisch-hochgestimmt und umgekehrt (sogenannte "schnelle Phasenwechsler", englisch: Rapid Cycling).
- Bei der manisch-depressiven Erkrankung (Zyklothymie) wechseln sich depressive und manische Phasen meist unregelmäßig ab. Einzelheiten zur Manie, der krankhaften Hochstimmung, siehe das entsprechende Kapitel.
- Die sogenannten Spätdepressionen (Involutionsdepressionen) im vorgerückten Alter weisen praktisch nur depressive Phasen auf. Zwar sind ihre Krankheitszeichen Im Allgemeinen milder ausgeprägt und nicht so typisch wie sonst, der Verlauf dafür umso langwieriger. Doch hängt dies weitgehend von rechtzeitiger Diagnose und gezielter Therapie ab, so dass sehr langwierige Depressionen eigentlich seltener werden.
- Körperlich begründbare Depressionen.
- Die körperlich begründbaren (somatogenen) Depressionen stehen in ursächlichem Zusammenhang mit einer körperlichen Krankheit oder Funktionsstörung. Dabei unterteilte man zwei große Gruppen:
- Organische Depressionen als unmittelbare Folge von Hirnerkrankungen oder Hirnschädigungen wie Hirnverletzungen, Hirntumoren, Hirngefäßverkalkung, altersbedingte Abbauprozesse usw.
- Symptomatische Depressionen als seelische Folgen körperlicher Allgemeinschädigungen und -erkrankungen, die die Hirnfunktion indirekt beeinträchtigen. Beispiele: Infektionen und Kreislauferkrankungen, aber auch die Einnahme, besonders die missbräuchliche, von entsprechenden Arzneimitteln usw.
- Körperlich begründbare Depressionen finden sich vor allem im internistischen, orthopädischen, gynäkologischen Bereich. Die Ausprägung dieser Art von Depression ist meist geringer, das seelische Leiden häufig maskiert, d. h. hinter körperlichen Krankheitszeichen versteckt (Fachausdruck: larvierte Depression).
- Das kann dazu führen, dass man sich vor allem um das organische Beschwerdebild bemüht und auf Dauer wundert, weshalb sich trotz optimaler Therapie nichts bessert. Erst wenn man merkt, dass hier gleichsam eine unerkannte Depression den körperlichen Genesungsverlauf im geheimen bremst, und erst wenn man sich schließlich auch therapeutisch der versteckten Schwermut annimmt, kommt endlich der so lange ersehnte allgemeine Behandlungserfolg auf seelischer und körperlicher Ebene in Gang.
- Lang anhaltende Gemütsstörungen.
- In letzter Zeit widmet man wieder den leichteren, aber dafür lang anhaltenden Gemütsstörungen besonderes Interesse. Das sind mildere Hochs und Tiefs (Fachausdruck: Zyklothymia), die bisweilen ein ganzes Erwachsenenleben andauern, eine Art leichtere chronische Verstimmung ohne Ursache. Die Perioden gehobener Stimmung können angenehm sein, die eher missgestimmt-depressiven Zustände natürlich nicht. Dafür quälen sie aber meist auch nicht ausreichend, um einen Arzt aufzusuchen.
- Neben diesem chronischen leichteren Auf und Ab gibt es auch noch depressive Dauerzustände (Fachausdruck: Dysthymia): müde, schlechter Schlaf, Missgestimmt, melancholisch, nichts wird genossen, jede Energie wird von einer ständigen Grübelei aufgesaugt - aber alles noch gerade ertragbar.
- Manchmal tritt dieser verdrießliche Zustand auch nach einer endogenen depressiven Phase, nach einem Trauerfall oder einer anderen Belastung auf, um sich bisweilen nie mehr so richtig aufzuhellen.