Hinweise zu Auswahl und Einsatz neuerer Antidepressiva
Die neueren Antidepressiva können anhand von Wirkprofil und unerwünschten Wirkungen in den meisten Fällen effektiv eingesetzt werden.
Eine entscheidende Rolle in Erkennung und Behandlung von Depressionen und in der Hilfestellung bei der Therapiewahl spielen Ärztinnen und Ärzte der Grundversorgung. Viele Patienten glauben, so das Stigma des Besuchs beim Psychiater vermeiden zu können, schreiben RobertBreen und Rupert J. McCormac in ihrer Übersicht zum Management der Depression in der Hausarztpraxis. Zwar beziehen sie sich in einigen Punkten auf die Verhältnissein Amerika, jedoch dürfte ihre Feststellung, dass die Pharmakotherapie heute der am häufigsten begangene Weg ist, auch für Europa zutreffen.
DiagnoseWichtigster Schritt ist zunächst die korrekte Diagnose. Die Schlüsselsymptome einer Episode von Major Depression sind:
Diagnosekriterien sind depressive Stimmung oder Anhedonie plus irgendwelche vier weitere der obigen Symptome. Allerdings kann in der Praxis eine antidepressive Therapie auch sinnvoll sein bei Depressionszeichen, die den formalen Kriterien nicht voll genügen oder als Komplikation einer anderen psychiatrischen Erkrankung auftreten. Ausserdem kann eine Antidepressivabehandlung auch bei der Dysthymie, einer chronischeren und weniger ausgeprägten Depressionsform, oder zur Symptomlinderung bei nach der Geburt oder nach einem Schlaganfall auftretender Depression effektiv sein. Signifikante depressive Symptome sind ferner auch bei posttraumatischen Belastungsstörungen oder Angsterkrankungen oft zu beobachten, und auch sie sprechen auf Antidepressiva an. Bipolare Störungen schliesslich können sich auch unter dem Bild einer depressiven Episode präsentieren; hier kommt der sorgfältigen Anamnese (frühere manische Symptome? familiäre Belastung mit psychischen Störungen?) grosse Bedeutung zu. Bei Patienten mit bipolarer Störung ist der Einsatz einiger Antidepressiva gegen das Risiko einer induzierten Manie abzuwägen.
Entscheidung zur Therapie:
Der Entscheid zur Verschreibung eines Antidepressivums sollte geschehen in Abwägung der Schwere der Symptomatik und der Bereitschaft des Patienten, mit möglichen Nebenwirkungen umzugehen. Bei sehr schwerer Erkrankung ist eine rasche Pharmakotherapie, allenfalls auch eine elektrokonvulsive Therapie indiziert, betonen Breen und McCormac. Bei weniger ausgeprägter Depression kann die Patientin oder der Patient auch einer Psychotherapie gegenüber Medikamenten den Vorzug geben. Antidepressiva haben nicht immer eine gute Presse, und Patienten können sich gerade auf die unzuverlässigen Informationen der Populärmedien abstützen. Daneben gibt es solche, die gegen die intensive persönliche Auseinandersetzung in Rahmen einer Psychotherapie Widerstände haben und lieber gleich nach Medikamenten verlangen. In diesen Entscheidungssituationen muss ärzticherseits versucht werden, einen gemeinsamen therapeutischen Weg zu finden.
Dies kann bei schwerer Erkrankung mit zunehmenden psychosozialen Defiziten auch bedeuten, den Patienten zur Einnahme antidepressiver Medikamente zu überreden.

