Option bei therapierefraktärer Depression
1988 wurde erstmalig einem Epilepsiepatienten das NCP-System zur Vagus-Nerv-Stimulation (VNS) implantiert. Mehr als 14000 Patienten mit einer therapierefraktären Epilepsie wurden seither weltweit mit Hilfe der Vagus-Nerv-Stimulation behandelt. Der Erfolg der Behandlung zeigt sich in einer Reduktion der Anfälle und, quasi als Nebeneffekt, in einer Verbesserung der Befindlichkeit. Dies war der Anlass, die VNS auch bei Patienten mit therapierefraktärer Depression einzusetzen. Die Firma Cyberonics bietet mit ihrem NCP System (NeuroCybernetic Prosthesis) zur Vagus-Nerv-Stimulation auch für die Depressionsbehandlung ein europaweit zugelassenes, einfach zu implantierendes System an.
Die Behandlungsindikation mit der VNS kann bei der chronischen oder rezidivierenden Depression bei Patienten mit einer therapieresistenten oder therapieunverträglichen Episode bei „ Major“ Depression (siehe DSM IV:296:20-36) gegeben sein. Dies schliesst sowohl die Behandlung von Patienten mit „Major“ Depression bei unipolarer Depression als auch depressive Patienten mit bipolarer oder manisch-depressiver Erkrankung ein. Positive Erfahrungen mit der VNS zur Behandlung therapiefrektärer Epilepsie in Deutschland gibt es bereits aus zahlreichen Zentren (Tab. 1).
Patienten mit chronischer und rezidivierender Depression auch in Deutschland eine zusätzliche, erfolgsversprechende Therapiemöglichkeit zur Langzeitbehandlung. Für die fast 30% der unter schweren Depressionen leidenden Patienten, die auf herkömmliche Medikation nicht zufrieden stellend ansprechen, kann die VNS zu einer signifikanten Besserung der physischen, kognitiven und sozialen Funktionen führen.
Warum es hilft
Der Nervus vagus verfügt über eine Vielzahl von Projektionen zum Gehirn. 80 % seiner Fasern sind afferent und bringen Informationen von Körperfunktionen zum ZNS, über Verschaltungen des Nucleus tractus soliterius bestehen Verbindungen zu wichtigen limbischen Strukturen, die bekanntermaßen für die Verarbeitung von Stimmungen und Emotionen relevant sind. Studien zur VNS haben aufgezeigt, dass durch die Stimulation in zahlreichen Regionen des Gehirns Veränderungen im Blutfluss, im Stoffwechsel und in der neuronalen Aktivität erfolgen. So wurde heim Menschen unter anderem ein Einfluss auf den Serotonin-, Noradrenalin-, GABA- und Glutamatspiegel aufgezeigt. (Besonders GABA und Glutamat schienen bei schweren Depressionen von besonderer Bedeutung zu sein.) Daten aus Untersuchungen an Epilepsiepatienten mit einer VNS zeigten, dass sich die VNS positiv auf Zustände gesteigerter Nervosität und Erregtheit auswirkt und einen Einfluss auf negative Stimmungslagen haben kann.
Vielversprechender Langzeiterfolg
Die Zulassung für die Indikation Depression erfolgte nach Beurteilung der Ergebnisse der Studie D-01* aus den USA an 60 Patienten inklusive einer einjährigen Nachuntersuchung der ersten 30 Patienten aus der D-01*. Während der ersten Studie zeigten über 30 % der sehr schwer kranken Patienten eine signifikante Verbesserung ihrer depressiven Symptome in der akuten Phase nach 12 Wochen. Die Langzeitergebnisse der Nachuntersuchung zeigen bei über 90 % der Patienten mit Verbesserung zu Behandlungbeginn auch bei der Kontrolle nach einem Jahr eine bleibende Besserung. Zusätzlich besserten sich viele Patienten, die zunächst nicht auf VNS angesprochen hatten. VNS wurde von den Patienten gut vertragen, weil es nicht zu medikamentösen Wechselwirkungen kam und nur minimale Nebenwirkungen auftraten. Die Nebenwirkungen, die in der Pilotstudie auftraten, sind denen ähnlich, die für Epilepsiepatienten beschrieben werden (Stimmveränderungen, Husten, Dyspnoe).
*Rush et al., (VNSTM) for Treatment-Resistant Depressions: A Multicenter Study, Biological Psychiatry 2000;47:216-286.
