Der Kölner Neurochirurg Prof. Volker Sturm hat weltweit zum ersten Mal selbstmordgefährdeten Menschen einen Schrittmacher in das Gehirn gepflanzt um sie von Panik und Zwängen zu befreien. Mit Erfolg, doch das Verfahren rührt an ethischen Grenzen. Wenn Gabriele Hecht mit der flachen Hand über ihren Oberkörper streicht, spürt sie knapp über der linken Brust eine kantige Ausbeulung.
"Mein Lebensretter" nennt sie das nicht ganz zigarettenschachtelgrosse Gerät, dass ihr vor fünf Jahren in den Muskel implantiert wurde. Seitdem sendet ein Stimulator über eine Sonde elektrische Impulse an ihr Gehirn - genauer gesagt: in bestimmte Areale des limbischen Systems, das Gefühlszentrum. "Ich spüre die Stromstösse nicht", erzählt Gabriele Hecht. "Ich spüre nur dass es mir gut geht."
Für die 47jährige alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Wie oft sie vor der Operation versucht hat, sich umzubringen, weiss die attraktive Parfümerie - Abteilungsleiterin nicht mehr. Unzählige Tabletten habe sie geschluckt. Manchmal sei sie ganz nah drangewesen am Tod. "Aber es hat nicht sein sollen.
Vielleicht wusste das Schicksal, dass die Medizin mir eines Tages helfen können würde."
Der Kölner Neurochirurg Professor Volker Sturm erinnert sich an jenen Anruf, der im Herbst 1999 durchgestellt wurde. Seit sie vor zwölf Jahren an der Supermarktkasse erstmals von einer Panikattacke überwältigt wurde, habe sich ihr Alltag in einen Alptraum verwandelt, berichtete die verzweifelte Frau. Die Angst vor dem Einkaufen habe sich kontinuierlich ausgeweitet: auf das Autofahren, Freundetreffen, Spazierengehen. Inzwischen könne sie kaum noch das Bett verlassen. Die Schwiegermutter würde für sie putzen, waschen, kochen. Selbst das Essen bereite ihr Angst. Therapien, Psychiatrieaufenthalte, Medikamente - nichts hätte geholfen. Daher der letzte Versuch: "
Man kann doch heute so vieles operieren. Vielleicht auch einen kranken Kopf ? " Von dem Verfahren der tiefen Hirnstimulation ( THS ) hätte sie bis dahin noch nie gehört. Überhaupt hätte sie keine konkrete Vorstellung gehabt, als sie sich an die Klinik wandte. " Da war nur die Ahnung, dass mein Problem vom Hirn her rührt. Vielleicht konnte man meine chaotischen Gefühle ja da abstellen, wo sie herkamen ? " Eine Frage die sich Volker Sturm bereits vor Gabriele Hechts Anruf gestellt hatte.
Wieder Freude am Leben: Gabriele Hecht, die weltweit erste Patientin, der ein Schrittmacher gegen Panikattacken implantiert wurde.
