Sturm war bewusst, dass er ein Tabu brechen würde wenn er Menschen wie Gabriele Hecht operieren würde.
Jedoch: " Die direkte Konfrontation mit Betroffenen hat mich in meinem Vorhaben bestärkt. " Der Neurochirurg berichtet von einer Patientin, die 50-mal pro Nacht kontrollierte, ob ihr Baby zugedeckt war, von einer Frau, die beim Haarewaschen bis zu drei Shampooflaschen verbrauchte und 10 Stunden lang dieselbe Stelle putzte; von einem jungen Mann, der aufgrund selbstzerstörerischer Impulse fast durchgehend fixiert in einer psychiatrischen Klinik lag. Alle Versuche ihn loszubinden, scheiterten: Er schlug sich ins Gesicht, warf sein Essen gegen die Wand, randalierte gegen Personen und Gegenstände. "
Natürlich kann man fragen, ist es ethisch vertretbar, die Psyche bestimmter Menschen mittels Hirnstimulation zu beeinflussen " sagt Sturm. " Ich aber frage: ist es vertretbar, diese Personen hilflos sich selbst zu überlassen ? Menschen, die oft lieber tot wären, als so weiterzuleben ? "
Neun Angst- und Zwangspatienten hat Volker Sturm inzwischen nach seiner Methode im Rahmen einer Pilotstudie operiert. Immer war er erst dann zu dem Eingriff bereit, wenn 2 Psychiater unabhängig voneinander zu dem Schluss gekommen waren, dass keine andere zugelassene Therapie helfen würde.
Bei Gabriele Hecht gaben die Kollegen grünes Licht. Damit ist sie weltweit die erste Angstpatientin, die einen Hirnschrittmacher eingesetzt bekam. An den Tag, der die Wende in ihrem Leben einleiten sollte, kann sich die Rheinländerin gut erinnern. " Die Angst vor dem Eingriff hielt sich im Rahmen. Viel zu gross war inzwischen die Gleichgültigkeit gegenüber dem Leben. " Keine Skepsis, keine Bedenken, die " Umpolung in ihrem Kopf " könnte ihr Wesen verändern ? " Welches Wesen ? ", fragt sie. " Ich hatte keines mehr. "
Im Gegensatz zu Parkinson - Patienten, die den Schrittmacher bei vollem Bewusstsein implantiert bekommen, erhielt Gabriele Hecht eine Vollnarkose. Lieber wäre ihm eine Lokalanästhesie gewesen, sagt Sturm, " aber gerade bei den Angst- und Zwangserkrankten will ich nichts riskieren. Dass die mehrstündige Operation auch bei Bewusstsein möglich ist, liegt an der Schmerzunempfindlichkeit des Gehirnes.Vorteil: Die Elektroden können sehr präzise platziert werden.Zwar berechnen die Chirurgen vorab einen Millimeter genau wohin sie den Draht schieben müssen, doch den letzten Millimeterbruchteil legt Sturm bei Parkinson - Patienten gerne selbst fest. Wenn sich der Draht in etwa am Zielpunkt befindet, dreht der Neurochirurg den Strom auf. Sobald das Zittern nachlässt, liegt er richtig. Wieder schwärmt Sturm: Unbeschreiblich sei das, wenn plötzlich Ruhe einkehre in die gebeutelten Körper.
