Depression, Depressionen

Viren im Gehirn | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 |

Vor Zwicks Institut, stand schon damals ein Baum, der bald als "Borna-Linde" bekannt wurde.

Diese Linde wurde gewissermaßen als diagnostisches Objekt benützt. Tiere, die infiziert waren, wurden immer um diesen Baum herumgeführt, um Störungen in der Bewegungsweise dieser Tiere möglichst frühzeitig festzustellen.

Die Gießener Forscher fanden bald heraus, daß sich das Virus im Gehirn der Pferde und dort nur in ganz bestimmten Bereichen einnistet: im limbischen System, das für die Steuerung von Verhalten und Stimmungen zuständig ist. Auch beim Menschen entstehen in diesem Hirnareal Stimmungen und Emotionen.

Der Erreger befällt dort den Kern der Nervenzellen. Er zerstört die Zelle nicht wie andere Viren, zwingt aber das Immunsystem zu überschießenden Reaktionen, die letztlich zu den Krankheitssymptomen führen.

Das Elektronenmikroskop läßt erahnen, wie das Virus aussehen könnte - ein entfernter Verwandter des Tollwuterregers, mit kugelrunder Hülle, die einen kurzen Strang Erbmaterial umschließt.

Bald wurde klar, daß nicht nur Pferde von dem Virus befallen werden. Auf natürliche Weise erkranken auch Schafe und Kühe, und im Labor lassen sich weitere Tiere infizieren, die mit ganz unterschiedlichen Krankheitsbildern reagieren. Kaninchen etwa werden schnell völlig apathisch und sterben binnen weniger Tage.

Bei Ratten sieht es ganz anders aus. Einigen Tieren merkt man kaum etwas an. Andere dagegen leiden deutlich unter Borna-Symptomen.

So unterschiedlich die Symptome sind: Die meisten Tiere werden irgendwann nach der Infektion apathisch und antriebslos.

Man würde das vielleicht in der Psychiatrie als Depression bezeichen, und das war gewissermaßen schon der Auslöser für unsere Überlegungen, und wie daß dann die Ergebnisse mit den Spitzhörnchen noch kamen, da ist der Funke gewissermaßen gesprungen .

Auch wenn sie nicht so aussehen: Spitzhörnchen gehören zu den Primaten und sind damit relativ nahe Verwandte des Menschen. Was Rudolf Rott aufhorchen ließ: nach einer Borna-Infektion änderte sich ihr Verhalten völlig, die normalerweise aggressiven Tiere wurden zahm. Wenn das Borna-Virus so nahe Verwandte des Menschen befällt - könnte es dann nicht auch den Menschen selbst infizieren und ebenfalls zu Verhaltensänderungen führen?

Das fing morgens schon an. Ich bin vorzeitig aufgewacht, und dann fing das Grübeln an, das negative, immer wieder dasselbe. Könnte was anderes hinterstecken, organisch, oder dieses oder jenes. Ich konnte mir keinen Reim darauf machen, ich konnt mir das nie erklären. Und wenn man glaubte man hätte wieder ein bißchen geschlafen, dann waren da immer schon gleich Negativgedanken, immer wieder die gleichen Gedanken.

Wenn auch Menschen von Borna-Viren befallen werden, dürfte sich dies am ehesten in psychischen Störungen niederschlagen, überlegte Rudolf Rott. Er untersuchte daher das Blut von fast Tausend psychiatrischen Patienten und 200 Kontrollpersonen.

Das Virus selbst kannte man seinerzeit, 1985, noch gar nicht genau. Im Blut aber müßten sich nach einer Infektion Antikörper dagegen finden - nicht anders als bei einer Masern- oder Rötelninfektion.

Sibylle Herzog entwickelte eine empfindliche Nachweis-Methode. Das Ergebnis war nicht leicht zu interpretieren, gab aber erste Anhaltspunkte: jeder leuchtende Punkt markiert hier einen Antikörper gegen das Borna-Virus.

Bei vier Prozent der psychiatrischen Patienten wurden Rott und Herzog mit dieser Methode fündig. Bei den gesunden Kontrollpersonen dagegen fanden sie nichts.

nächste Seitezurück

depression_lgo