Die Gießener Untersuchung erschien 1985 in dem angesehenen amerikanischen Fachblatt Science - und markierte den Beginn einer neuen Epoche in der Erforschung der Bornaschen Krankheit. Bisher hatten sich nur einige wenige Veterinärmediziner für die eigentümliche Pferdeepidemie interessiert; jetzt schien ein gewisser Zusammenhang zwischen psychiatrischen Krankheiten und dem Borna-Virus zu bestehen. Das Ergebnis aber warf zunächst mehr Fragen auf als es beantwortete.
Wir haben dann das große Glück gehabt, daß wir dann in Dr. Bechter vom Bezirkskrankenhaus Günzburg einen idealen Kooperationsparner gefunden haben, der die ganze klinische Seite unserer Untersuchungen übernommen hat.
Das Bezirkskrankenhaus im schwäbischen Günzburg ist gleichzeitig die Psychiatrische Abteilung der Uni-Klinik Ulm. Ein Virus als Ursache einer Geisteskrankheit würde viele Lehrmeinungen umstoßen. Endogene, innere Depressionen werden vererbt, oder sind eine, vielleicht streßbedingte, Übermittlungsstörung im Gehirn, glaubte man bisher.
Ich muß zugeben, daß ich zunächst diese Geschichte auch für wenig wahrscheinlich hielt, oder daß sie wirklich eine Bedeutung hat für psychatrische Erkrankungen, aber so nach etwa einem halben Jahr, als ich auch das Kleingedruckte in den Tierversuchen gelesen hatte, wo man eigentlich die Details so richtig verstehen konnte, da hatte ich praktisch Feuer gefangen, und seit dieser Zeit verfolge ich also hartnäckig diese Hypothese und die Untersuchungen beim Menschen.
Fasziniert hatten Karl Bechter nicht nur die eigentümlichen Verhaltensänderungen der Spitzhörnchen als solches. Einige der infizierten Tiere waren erkrankt, wurden danach wieder normal, und erkrankten nach einiger Zeit wieder - und so fort. Dazwischen ruhte das Virus quasi.
Diese Beobachtung ist natürlich für psychiatrische Krankheiten faszinierend, weil das ja eines der Hauptkennzeichen psychiatrischer Krankheiten ist, daß oft nicht nur eine Erkrankung auftritt, sondern phasenhaft zu späteren Zeitpunkten wiederum eine Depression oder eine schizophrene Erkrankung auftritt
Die Günzburger Psychiatrie liegt in direkter Nachbarschaft zum Kreiskrankenhaus - in einer Region übrigens, in der die Borna-Krankheit bei Pferden heimisch ist. Karl Bechter nutzte die räumliche Nähe der beiden Krankenhäuser, um die Gießener Ergebnisse auf eine breitere Basis zu stellen. Systematisch verglich er das Blut psychiatrischer Patienten mit dem von Patienten aus der Chirurgie, in der Regel also psychisch Gesunden..
In den vergangenen zehn Jahren sammelte Bechter so die Daten von über 10000 Patienten. Blut und häufig auch Nervenwasser der Probanden schickte das Günzburger Labor zur Untersuchung auf Antikörper nach Gießen.
Die dortigen Untersuchungen bestätigten: Im Blut psychiatrischer Patienten finden sich häufiger Antikörper gegen Borna-Viren als bei den Gesunden - allerdings auf relativ niedrigem Niveau. drei bis fünf Prozent der psychiatrisch Kranken schienen Kontakt mit dem Borna-Virus gehabt zu haben - und zwar nicht nur depressive Patienten.
Es kommt von den diagnostischen Begriffen her, die wir in der Psychiatrie haben, zu unterschiedlichen Krankheiten, also zu Depressionen, zu schizophrenen Psychosen, und manchmal auch zu allgemeineren Störungen, vielleicht Angststörungen oder Persönlichkeitsveränderungen leichter Art.
Daß verschiedene Krankheiten dieselbe Ursache haben können, wundert den Psychiater nicht. Auch Schnupfen und Lungenentzündung schließlich können denselben Erreger haben. Bechter interessiert viel mehr, auf welche Weise das Borna-Virus zu Krankheiten führt. Er glaubt, daß eine Entzündung im Gehirn dabei eine wichtige Rolle spielt. Etwa drei von Hundert psychiatrischen Erkrankungen, glaubt er, könnten auf das Konto des Borna-Virus gehen.
Das ist so eine schlimme Krankheit. Ich will nicht schlafen, ich will nicht spazieren gehen, ich will nicht in die Stadt gehen. Ungefähr zwei Jahre ich bin nicht richtig einkaufen gegangen.
Auch Forscher in den USA hatten inzwischen das Borna-Virus entdeckt. An der Universität von Kalifornien wagten sie einen besonderen Versuch. Sie suchten im Gehirn verstorbener psychatrischer Patienten nach dem Virus - und zwar gezielt im limbischen System, in dem sich das Virus bei Tieren einnistet.
Das Ausgangsmaterial stammte von Gehirnbanken in aller Welt - von Menschen, die zu ihren Lebzeiten an Schizophrenie und Depression gelitten hatten, aber auch von solchen mit anderen Krankheiten wie Alzheimer, Parkinson oder Multipler Sklerose.
