So ganz sicher also scheinen sich die Berliner Forscher selbst noch nicht zu sein, daß Amantadin Borna-Viren vertreibt. Und solange der geheimnisvolle Stamm nicht zur Verfügung steht, kann das auch niemand beurteilen.
Ohne das Ende dieser Diskussion abzuwarten, haben Detlef Dietrich und sein Chef Hinderk Emrich in Hannover eine klinische Studie gestartet, die die antidepressive Wirkung von Amantadin systematisch überprüfen soll. 40 depressive Patienten bekommen sechs Wochen lang Amantadin, sechs Wochen ein Placebo. Weder Arzt noch Patient wissen, welches Mittel zuerst gegeben wird. Die Heilungsfortschritte werden objektiv festgehalten.
Daß Amantadin eine leichte antidepressive Wirkung haben kann, weiß man allerdings seit langem Es gibt auch eine Erklärung dafür, die ganz ohne Borna Viren und deren Hemmung auskommt. Die Hannoveraner Studie aber soll dies erstmalig systematisch klären und prüfen, ob es einen Zusammenhang mit Borna-Viren geben könnte. Und sollte sich ein solcher nicht nachweisen lassen, sei dies ja auch ein Ergebnis, glaubt der Leiter der Studie.
Ja, es ist insofern vielleicht ein High-Risk-Projekt, als man ja - man kann in der Wissenschaft auch mal eine Bauchlandung machen. Man kann auch etwas, sagen wir mal, untersuchen, was sich langfristig als nicht richtig erweist. Und da glaube ich geht es auch ein bißchen um die innere Haltung. ist man fähig zu akzeptieren, daß man einer Hypothese gefolgt ist, die sich hinterher als nicht richtig erweist, aber Wissenschaft vefolgt nun mal das Konzept von Trial und Error, das heißt von Untersuchung und Irrtum.
Ich hatte mir auch schon Pläne gemacht, wie ich das anstellen könnte, mit dem Auto irgendwo vorher, oder vor einen Zug schmeißen oder sonst irgendwas, von der Brücke springen.
Sehr geehrte Vorsitzende, meine Damen und Herren, ich freue mich, daß ich als Psychiater auf einem Virologenkongreß unsere Untersuchungen vorstellen darf zum Thema Borna Disease Virus und psychiatrische Erkrankungen..
Selbstverständlich ist es bisher nicht, daß Psychiater und Virologen miteinander diskutieren. Auf dem Regensburger Virologen-Kongreß im März dieses Jahres aber zeigten volle Ränge, daß das Gespräch von beiden Seiten gesucht wird.
Klaus Lieb aus Freiburg stellte eine Studie vor, in der - wie bei Ian Lipkin in Kalifornien - ebenfalls im Gehirn verstorbener psychiatrischer Patienten nach Borna-Viren gesucht worden war. Im Gegensatz zu Lipkin allerdings wurden die Freiburger Forscher in keiner der 133 Proben fündig.
Jede neue Untersuchung zum Borna-Virus, so scheint es, wirft im Moment mehr Fragen auf als sie beantwortet. Die Beteiligten suchen daher die Diskussion, nicht zuletzt auf Kongessen wie in Regensburg. In einigen entscheidenden Punkten allerdings stockt das Gespräch derzeit, da nicht alle Borna-Forscher den gegenseitigen Austausch zu suchen scheinen.
Sind denn Ihre Berliner Kollegen eigentlich auch hier?
Die sind zu diesem Kongreß, so viel ich gehört habe, nicht eingetroffen und werden auch nicht kommen.
Hätten Sie sich das denn gewünscht ?
Wir hätten uns das sehr gewünscht, ja.
Sind es tatsächlich Viren im Gehirn, die depressiv machen ?
Ob der Erreger, der die eigentümliche Hirnhautentzündung der Pferde hervorruft, auch den Menschen befällt, ist noch nicht sicher. Sollte sich dies herausstellen, ist längst nicht klar, daß er auch wirklich die Ursache psychiatrischer Krankheiten ist.. Die Hoffnung auf ein neues Heilmittel jedenfalls ist sicher noch verfrüht.
Ich fände es eigentlich toll, wirkich toll, wenn es sich rausstellen sollte, wie wir es eigentlich jetzt schon in Einzelfällen gesehen haben, daß wir wirklich auch Menschen helfen können, daß es also nicht nur so ist, daß wir was gefunden haben, was Dinge umschmeißt, vielleicht auch alte Dogmen umstößt, sondern daß es tatsächlich auch etwas Praktisches bedeutet, daß es eine neue Option ist für die Behandlung, das würde mich unheimlich freuen, wenn so was herauskommen würde.
I'm primarily spending my time in research, but I'm also a physician and I see people with neurological and psychiatric diseases. And I'm aware of how little we have to offer sometimes. So I become very concerned when I see people offering antivirals for presumed infections when it's not clear that they have an infection or if they do have an infection that it has any role in the pathogenesis of the disease. This is something that I conxider highly irresponsible and something we would not do here.
In erster Linie bin ich Forscher, aber als Arzt sehe ich auch die Schicksale der psychiatrischen Patienten und weiß, wie wenig wir oft zu bieten haben. Ich bin daher besorgt wenn Leute Antivirus-Mittel gegen angebliche Infekionen anbieten, obwohl nicht klar ist, daß es eine Infektion gibt, oder wenn es sie gibt, es nicht sicher ist, daß sie irgendetwas mit der Krankheit zu tun hat. Ich halte das für höchst unverantwortlich - wir würden das hier nicht tun.
Versuch und Irrtum entscheiden in der Forschung über die Wahrheit, und die Versuche haben gerade erst begonnen.
Und auch wenn sich die Hypothesen um das Borna Virus als Irrtum herausstellen sollten: Für frischen Wind in der Psychiatrie haben sie schon jetzt gesorgt.
Ich hoffe, daß es auch grundsätzlich Fortschritte für die Psychiatrie bringt, weil es genügend Hinweise gibt, daß es noch weitere Viren gibt, die für psychiatrische Krankheiten verantwortlich sind und bisher nicht erkannt werden, und auch von vielen noch gar nicht vermutet werden, oder belächelt werden, daß überhaupt solche Ansätze von manchen Forschern gemacht werden.
Die endogenen, inneren Depressionen, für die es keine äußere Erklärung und selten Heilung gibt, bleiben also ein Rätsel. Die Viren im Gehirn aber könnten einen kleinen Teil davon lösen helfen; und vielleicht sorgen sie noch für manche andere Überraschung in der Psychiatrie.![]()
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