Gehirn macht Muskeln müde
Wenn die Muskeln nach starker Anstrengung den Dienst verweigern, liegt das möglicherweise nicht an mangelnden Energiereserven. Das Gehirn, glauben südafrikanische Forscher, bremst den Körper frühzeitig aus - um Schäden zu verhindern.
Wenn einen Sportler nach harter Arbeit bleierne Müdigkeit befällt, liegt das daran, dass die Muskeln nicht mehr genug Energie oder Sauerstoff zur Verfügung haben - so zumindest eine gängige Erklärung. Neuere Befunde von Sportwissenschaftlern wiesen aber bereits darauf hin, dass nicht die Unterversorgung der Muskeln die Müdigkeit auslöst. So haben die meisten Athleten beispielsweise auch nach einem Marathonlauf noch genügend Muskeltreibstoff für einen Endspurt in Reserve.
Südafrikanische Forscher haben jetzt einen Botenstoff des Immunsystems identifiziert, der dem Gehirn eine drohende Überanstrengung meldet. Das dann ausgelöste Gefühl der Erschöpfung vermindert die Leistungsfähigkeit und schützt die Muskeln vor Schäden, berichtet das Wissenschaftsmagazin "New Scientist". Das Forscherteam um Paula Robson-Ansley von der University of Cape Town in Südafrika wird die Ergebnisse demnächst im Fachblatt "Canadian Journal of Applied Physiology" veröffentlichen.
Robson-Ansleys Ergebnisse lassen vermuten, dass das Gehirn das lähmende Erschöpfungsgefühl erzeugt, um die Muskeln nicht bis an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit zu belasten. Der Körper werde so vor Schäden geschützt und besitze noch genügend Reserven für den Notfall. Verantwortlich für das Umlegen des Stopp-Hebels ist nach Meinung der Forscher ein Botenstoff namens Interleukin-6.
Nach intensiver Belastung steigt die Konzentration des Hormons im Blut auf das Sechzig- bis Hundertfache des normalen Wertes an. Um zu beweisen, dass dies tatsächlich die Erschöpfung verursacht, ließen die Wissenschaftler geübte Läufer antreten. Nachdem den Sportlern Interleukin-6 gespritzt wurde, ließ ihre Leistungsfähigkeit deutlich nach. Im Schnitt brauchten sie für eine Zehn-Kilometer-Strecke eine Minute länger als ihre Sportsfreunde, die nur ein Placebo bekommen hatten.
Nach Meinung der Forscher könnten nicht nur Sportler von den Ergebnissen profitieren. Es bestehe auch die Hoffnung, das Chronische Müdigkeitssyndrom zu behandeln - etwa durch eine Blockade der Interleukin-6-Rezeptoren im Gehirn. Das Leiden ist auch als "Burnout-Syndrom" bekannt - in Anspielung auf die Tatsache, dass beruflich überlastete Menschen häufig zu den Betroffenen zählen.
